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Apr 15

Politik – Nein, danke.

Rede von Fabian Gürtler und Adrian Mangold als Jugendrat Baselland an der Abschlussfeier der FMP Klassen beider Basel vom 10.04.2014.

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„Schlechte Kandidaten werden gewählt von guten Bürgern die nicht zur Wahl gehen“. Das ist ein Zitat vom Thomas Jefferson, Präsident der Vereinigten Staaten vor 250 Jahren. Was will ich damit sagen? Eine passive Haltung ist in der Politik nicht wirkungslos. Keine Meinung zu haben ist oftmals weitreichender als man denkt. Denn wer mitbestimmt, gestaltet mit. Wer sich seiner Stimme enthält, lässt andere über ihn bestimmen.

Wir sind heute hier, um über politisches und gesellschaftliches Engagement zu sprechen und aufzuzeigen, wieso es weiterhin wichtig ist, sich für die Welt von morgen zu engagieren.

Mein Name ist Adrian Mangold und das ist Fabian Gürtler vom Jugendrat Baselland. Der Jugendrat Baselland ist die Vertretung der Jugend gegenüber der Regierung. In unserer alltäglichen Arbeit setzen wir uns für die Interessen der Jugendlichen beim Kanton ein und bringen auch die Politik den jungen Erwachsenen näher. Insbesondere hier am Gymnasium Oberwil, haben wir regelmässig Podien zu den aktuellsten Abstimmungen. Dabei sind jedes Mal über 400 Schülerinnen und Schüler anwesend, welche die Podiumsteilnehmer mit Fragen löchern. Auch an anderen Schulen sind wir präsent und versuchen so, das verstaubte Bild der Politik aufzufrischen.

Doch nun zum Thema: Was macht Politik aus? Parteien? Menschen auf Plakaten? Abstimmungen? Einfach gesagt: Die Politik formt den Staat. Und dieser schafft die Rahmenbedingungen, damit die Menschen im Land glücklich werden können. Doch wieso sollte jetzt jemand von euch sich für diese ¨Rahmenbedingungen¨ einsetzen? Erhard Eppler, ehemaliger deutscher Bundesminister findet konkrete Worte dazu: “Wo junge Menschen sich auf Politik einlassen, können sie lernen, dass man mit guten Einfälle doch weiter kommt als mit kräftigen Ellbogen.” Also, Politik scheint lehrreich zu sein und fördert den Ideenreichtum. Insbesondere in der Schweiz mit der direkten Demokratie hat jeder und jede von euch die Möglichkeit ihre Ideen mit Initiativen und Petitionen direkt in den politischen Prozess einzubringen.

Vielleicht an dieser Stelle ein paar Beispiele, wie die Politik die Vergangenheit und den Alltag von uns allen verändert hat. Dass wir alle in die Schule gehen dürfen (oder müssen) und einen Abschluss machen können, ist im Endeffekt der Abschaffung der Kinderarbeit und der Einführung des Schulobligatoriums zu verdanken. Ohne den Entscheid von 1874 würde es heute noch Kinderarbeit in der Schweiz geben und die Analphabetenquote wäre erschreckend hoch. Oder ein zeitnäheres Beispiel ist die Abschaffung des Nachtzuschlages im Tarifverbund Nordwestschweiz. Ich denke viele von euch gehen regelmässig am Wochenende in den Ausgang. Für den Heimweg ist dann ein Tram oder Bus ganz praktisch, wenn man keine Lust auf das Auto hat oder schlicht nicht mehr fahrtüchtig ist. Früher kostete der Aufschlag auf das normale Billett 5 Franken. Heute ist der Zuschlag weg. Das ist auf den Einsatz von einer Gruppe Jugendlichen zurückzuführen. Diese haben mit einer Petition und 2000 Unterschriften die Politiker überzeugt, den Nachtzuschlag abzuschaffen.

In der Politik fehlt der Nachwuchs weitgehend und das ist gravierend, denn schliesslich entscheiden die Politikerinnen und Politiker in den Parlamenten über unsere Zukunft. Heute sind in diesen Parlamenten vorwiegend älteren Herren am Ruder. Sei es bei der Festlegung der Preise für den öffentlichen Verkehr oder von wo der Strom aus der Steckdose kommt. Diese und weitere Fragen sind auch für den Alltag von uns entscheidend. Darum ist auch hier wichtig, dass ihr abstimmen und wählen geht. Und wem dies nicht reicht, kann aktiv in die Politik einsteigen und mitgestalten. Ziehen wir den Kreis noch enger: Wer Lehrerin oder Lehrer von euch werden will, ist vom Willen der Parlamenten abhängig. Sie entscheiden, ob ihr nun eine Zusatzausbildung machen müsst oder der Lohn erhöht oder gesenkt wird. Ihr seht, plötzlich ist die Politik näher als man denkt. Und darum ist euer Engagement – sei es in Parteien, Gewerkschaften oder Kommissionen – enorm wichtig.

Auch die Zahlen und Fakten sprechen hier eine klare Sprache. Das zeigt vor allem die tiefe Stimmbeteiligung der Jugendlichen. Bei den Wahlen 2011 hat sich ergeben, dass sich nur 32% der jungen Schweizerinnen und Schweizer zwischen 18 und 24 Jahren zur neuen Zusammensetzung des Parlaments geäussert haben. Als Gegenbeispiel ein Blick auf die Personen über 75 Jahren: Von diesen haben 70% ihre Meinung an der Urne ausgedrückt. Das ist ein krasses Missverhältnis. Diese Stimmfaulheit kann jedoch nicht nur den Jugendlichen angehängt werden, denn die Schulen tragen hier auch eine Mitschuld. Schliesslich wird in den meisten Schulen dieser Fachbereich nur mangelhaft bis genügend abgedeckt. Das Gymnasium Oberwil ist in dieser Hinsicht eine grosse Ausnahme und nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein. Hier wird in den nächsten Jahren zumindest auf gymnasialer Stufe ein Pflichtfach Politik fest in den Stundenplan eingeplant. Dennoch, viele andere Schulen verzichten bewusst darauf – was wir auch von der Seite des Jugendrates bedauern. Schliesslich ist die politische Bildung auf die gleiche Stufe zu stellen wie Mathematik oder Geografie.

Und nicht vergessen: Mit jeder Stimme wird die Zukunft von morgen gebaut. Und ich denke jeder und jede hier im Saal wünscht sich eine gute und sichere Zukunft? Diese ist nur möglich, wenn ihr alle daran arbeitet und sie mitgestaltet.

Und wenn ihr euch nun denkt, es gibt doch keine Partei die zu mir passt, muss ich widersprechen. Das ist das Wunderbare an der Politik. Es gibt unzählige Möglichkeiten, wie jeder und jede sich für oder gegen etwas einsetzen kann. Auch ohne Parteiprogramm gibt es viele Wege einzusteigen. Sei es nun in der Gemeinde, als Beispiel im Schulrat, in einer Jugendkommission oder im Wahlbüro. Auch wenn Interesse für Internationales vorhanden ist, gibt es wiele verschiedene Organisation wie Amnesty International, Greenpeace oder Caritas. In all diesen Gremien könnt ihr neben Erfahrungen in Planungen von Anlässen auch Kontakte knüpfen. Während die erlernten Fähigkeiten als Softskills im Lebenslauf aufgeführt werden können, wird ein gutes Netzwerk viele Türen öffnen und neue Möglichkeiten für die berufliche wie auch private Entwicklung bieten.

Nun würde ich gerne den Blick öffnen und auch den allgemeinen Einsatz für die Gesellschaft genauer unter die Lupe nehmen. Letzte Woche wurde bekannt, dass die Pfadfinderbewegung in den letzten Jahren viele Mitglieder verloren und ein Nachwuchsproblem hat. Dabei ist sie nicht allein, auch Sport- und andere Freizeitvereine haben massive Probleme und kämpfen zum Teil um ihre Existenz. Ich denke jede und jeder von euch wird sich einmal in einem Verein engagiert haben oder ist es jetzt noch und ist mit diesem Problem konfrontiert. Doch wieso hat das Engagement in der heutigen Gesellschaft abgenommen?

Es ist leider Realität, dass die Wirtschaft immer mehr in unser Leben eingreift. Die Schule wird fordernder, die Arbeitswelt umfassender und dank Smartphone ist man rund um die Uhr erreichbar. Das schränkt auch massiv die Freizeit von uns allen ein. Ferien sind keine Erholung mehr, Mittagspause ist nicht nur zum Essen da und auf dem Fasnachtsbummel muss schliesslich auch durchgehende Erreichbarkeit auf dem Handy gewährleistet sein. Der Mensch findet keine ruhige Minute mehr. Ein guter Abschluss in der Schule und Karriere im Betrieb stehen im Vordergrund. Im Gegensatz muss dafür die Zeit für den Sportverein oder für andere ehrenamtliche Einsätze weichen. Moritz Leuenberger sagte treffend in einer Rede an der Hochschule Luzern im 2012: „Gegenwärtig wird gewiss der äussere Erfolg, die finanziellen und wirtschaftliche Aspekte, wie Lohn und Karriere überbetont, während der innere Frieden oder das individuelle Glück verdrängt und in den Schatten gestellt werden. Auch eine Ausbildung, auch Zeugnisse und Schulabschlüsse sind äussere Erfolge, auf die wir unser Leben nicht allein fixieren sollten.“ Versteht mich nicht falsch, eine gute Ausbildung ist wichtig – aber nicht alles im Leben. Auch eine innere Zufriedenheit sollte in jedem von euch vorhanden sein. Ihr habt mit dem Diplom einen wichtigen Schritt in eurem Leben gemacht, doch vergesst nicht, dass ihr immer eure eigenen Ziele im Auge behalten müsst. Denn nichts ist schlimmer, wenn man gezwungen wird die eigenen Träume und Wünsche aufzugeben. Wer sich auch hier wie in der Politik passiv verhaltet und sich nicht entscheidet, wird eines Tages nicht bei seinem Ziel ankommen.

Doch was wollen wir euch mitgeben für eure Zukunft? Ganz einfach, engagiert euch! Ob nun politisch oder in Vereinen: Jeder Einsatz gilt der Allgemeinheit. Der Gesellschaft. Uns allen. Doch heute Abend gratulieren wir euch für euer Bestehen. Auch wünschen wir euch viel Erfolg für euere zukünftige berufliche Laufbahn. Geniesst das Gefühl endlich fertig und frei zu sein. Ihr habt es verdient.

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